Berufliche Orientierung

in der medizinischen Rehabilitation

Konzepte der Träger

(unter Mitarbeit von Susan Riedel und Dr. Josef Lecheler)

Die Träger der gesetzlichen Renten- und Unfallversicherung haben unterschiedliche Modelle zur Verankerung des Berufsbezuges in der medizinischen Rehabilitation entwickelt und Kriterien für die Durchführung und Anforderungen an die Reha-Einrichtungen festgesetzt.

Hier erhalten Sie einen Überblick und weiterführende Links zum Konzept der Renten- und der Unfallversicherung sowie der Bundesarbeitsgemeinschaft der medizinisch-beruflichen Reha-Einrichtungen (Phase II-Einrichtungen).

  • MBOR der Deutschen Rentenversicherung
  • ABMR der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung
  • MBR Phase II der Bundesarbeitsgemeinschaft der medizinisch-beruflichen Reha-Einrichtungen

1. Medizinisch-beruflich orientierte Rehabilitation (MBOR) der Deutschen Rentenversicherung

Ziel der MBOR ist die Besserung oder Wiederherstellung einer erheblich gefährdeten oder geminderten Erwerbsfähigkeit der Rehabilitanden, damit diese den Anforderungen am (alten oder angestrebten) Arbeitsplatz gerecht werden können.

Anforderungen an Einrichtungen mit MBOR Angebot. Die Anforderungen der DRV an die ambulanten und stationären Reha-Einrichtungen können Sie dem MBOR-Anforderungsprofil, Stand 2015, entnehmen.

Zielgruppe der MBOR der DRV sind Rehabilitanden mit sogenannten besonderen beruflichen Problemlagen (BBPL). Nach Schätzungen der DRV weist in der Neurologie und der Psychosomatik fast jeder Zweite besondere berufliche Problemlagen auf. In der Orthopädie hat ca. jeder dritte und in der Kardiologie jeder vierte Rehabilitand eine BBPL.

BBPL sind gekennzeichnet durch

  • problematische sozialmedizinische Verläufe zum Beispiel mit langen oder häufigen Zeiten der Arbeitsunfähigkeit und oder Arbeitslosigkeit;
  • negative subjektive berufliche Prognose, verbunden mit der Sorge, den Anforderungen des Arbeitsplatzes nicht gerecht werden zu können (auch bei Vorliegen eines Rentenantrags) und/oder
  • aus sozialmedizinischer Sicht erforderliche berufliche Veränderung.

MBOR Stufen. Das Anforderungsprofil benennt drei Stufen medizinisch-beruflich orientierter Angebote:

Tabelle 1: Stufenmodell MBOR
Basisangebote
(Stufe A)
Kernangebote
(Stufe B)
Spezifische Angebote
(Stufe C)
Bedarf alle DRV-Rehabilitanden Rehabilitanden mit BBPL Rehabilitanden mit BBPL, die den zuletzt ausgeübten oder vergleichbaren Beruf nicht mehr ausüben können
Anteil 100% ca. 30% (Orthopädie) max. 5%
Verbreitung alle Reha-Einrichtungen Einrichtungen mit entsprechendem Schwerpunkt
Bausteine Motivierung, sich mit beruflichen Problemen zu befassen
Zusammenarbeit mit externen Institutionen (anderen Leistungsträgern, Arbeitgebern, Integrationsfachdienst bei Menschen mit einer Schwerbehinderung)
Identifikation von Rehabilitanden mit BBPL
Sozialrechtliche Informationen
Psychoedukative Gruppen (z.B. Stress)
Berufsbezogene Diagnostik
Soziale Arbeit in der MBOR
Berufsbezogene Gruppen
Arbeitsplatztraining
Interne oder externe (Arbeitgeber, BFW) Belastungserprobung
Frühzeitiger Einbezug Reha-Fachberater DRV

Quelle: DRV Bund, 2012

Als Basismaßnahmen (Stufe A) sollen Möglichkeiten zur Identifikation von Rehabilitanden mit BBPL (d.h. der Einsatz von Screeningverfahren), die Vermittlung sozialrechtlicher Information durch die klinische Sozialarbeit, weitere Angebote wie z.B. Stressbewältigungs- und Entspannungstrainings von allen Einrichtungen für alle Rehabilitanden vorgehalten werden.

Als MBOR-Kernmaßnahmen (Stufe B) die sich speziell an Rehabilitanden mit vorliegender BBPL richten, werden eine anforderungsorientierte berufsbezogene Diagnostik, Angebote der sozialen Arbeit, berufsbezogene Gruppen und Arbeitsplatztraining genannt.

Als spezifisches Angebot, für Rehabilitanden bei denen die Kernmaßnahmen nicht ausreichen (Stufe C) und für die ggf. Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben erforderlich sind, wird bspw. die Belastungserprobung genannt, die klinikintern oder in Betrieben sowie in Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation durchgeführt werden kann.

Über alle drei Stufen hinweg ist die Motivierung (s. auch Motivationsförderung) der Rehabilitanden in allen Therapiebaustein wichtig für den Erfolg der MBOR.

Ablauf der MBOR. Sofern die Zuweisung von Rehabilitanden mit BBPL in geeignete Einrichtungen mit entsprechender MBOR-Stufe nicht bereits durch die DRV erfolgt, ist es wichtig, klinikintern mittels arbeits- und berufsbezogener Anamnese und durch den Einsatz von Screening-Verfahren Rehabilitanden zu identifizieren, die einen besonderen Bedarf für berufsbezogene Maßnahmen aufweisen. Eine differenzierte Diagnostik, die auf dem Abgleich der Fähigkeiten des Rehabilitanden und der Anforderungen an seinem Arbeitsplatz basiert (s. auch Arbeitsplatzbeschreibungen), bildet die Basis für eine adäquate Therapieplanung. Die Therapieziele sollen interdisziplinär und partizipativ unter Berücksichtigung der Interessen des Rehabilitanden festgelegt werden. Am Ende der MBOR findet die abschließende sozialmedizinische Leistungsbeurteilung auf Basis des Abgleichs zwischen Fähigkeiten und Anforderungen des Rehabilitanden statt.

Im Anforderungsprofil der DRV finden Sie weitere Angaben zu Zielen, Inhalten, Durchführung, Indikation sowie Dauer und Häufigkeit einzelner Behandlungsbausteine in der MBOR. Daneben werden Angaben zu den strukturellen Voraussetzungen (Räume, beteiligte Professionen) und der Verankerung in der KTL gemacht. In der Rubrik Praxisbeispiele finden Sie Beispiele aus Kliniken zur Umsetzung dieser Anforderungen im Klinikalltag.

Quelle: www.deutsche-rentenversicherung.de ...

2. Arbeitsplatzbezogene Muskuloskelettale Rehabilitation (ABMR) der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV)

Ziel der ABMR ist neben der Beseitigung oder Kompensation von Funktions- und Strukturstörungen die Integration arbeitsrelevanter Funktionsabläufe in die Therapie. Dies geschieht mit Hilfe einer spezifischen Arbeitsorientierung, um eine ausreichende funktionale Belastbarkeit für die unmittelbar anschließende vollschichtige Rückkehr an den (bisherigen) Arbeitsplatz zu erreichen.

Zulassung zur ABMR. Ambulante Einrichtungen benötigen eine EAP- (Erweiterte Ambulante Physiotherapie), stationäre Einrichtungen eine BGSW-Zulassung (Berufsgenossenschaftliche Stationäre Weiterbehandlung), um die Grundanforderungen der DGUV an die Durchführung von ABMR-Maßnahmen zu erfüllen. Zusätzliche personelle (leitender Arzt, Ergotherapeut), sachliche (Raumgröße und Ausstattung) und weitere Anforderungen (Einsatz eines FCE-Systems, Praxistraining) sowie Ihre Pflichten gegenüber dem Leistungsträger können Sie den ABMR Anforderungen, Stand 02/2012, entnehmen. Die notwendige Prüfung zur Erfüllung aller geforderten Voraussetzungen erfolgt durch den regional zuständigen Landesverband der DGUV.

Zielgruppen der ABMR der DGUV sind

  • Menschen, die körperlich arbeiten oder
  • Menschen mit spezifischen körperlichen Arbeitsbelastungen (einseitig monoton und/oder koordinativ beanspruchende Tätigkeiten) im Bereich der verletzten Körperregion

UND

  • eine prognostizierte erstmalige Arbeitsunfähigkeitsdauer von mehr als 16 Wochen (112-Tage-Grenze) unter Berücksichtigung von Kontextfaktoren oder
  • das zeitliche Überschreiten dieser Prognose oder
  • das Vorliegen spezieller medizinischer, psychologischer, sozialer oder beruflicher Risikofaktoren.

Voraussetzungen für die Aufnahme von Rehabilitanden zur ABMR sind eine ausreichend medizinische Grundbelastbarkeit für die Ausführung der körperlich beanspruchenden Therapiebestandteile und die Prognose des Erreichens der Arbeitsfähigkeit möglichst innerhalb von 4 Wochen nach Entlassung. Menschen, die weder körperlich beanspruchende noch spezifische körperliche Arbeitsbelastungen im Bereich der verletzten Körperregion ausführen, sind nicht Zielgruppe der ABMR.

Leistungsspektrum der ABMR. Bei Behandlungsaufnahme wird zunächst eine detaillierte, standardisierte Tätigkeitsanalyse erhoben (z.B. mit IMBA), um die konkreten beruflichen Leistungsanforderungen und Belastungselemente zu identifizieren. Neben dem Anforderungsprofil muss auch ein aktuelles Leistungsfähigkeitsprofil zu Beginn erstellt werden. Ziel ist es, die arbeitsplatzspezifische Leistungsfähigkeit mit standardisierten FCE-Screening-Verfahren zu ermitteln. Im Abgleich der ermittelten arbeitsplatzspezifischen Anforderungen mit den aktuellen Fähigkeiten ergibt sich ein Leistungs-Delta, aus dem individuelle und passgenaue Therapie-Maßnahmen abgeleitet werden.

Die Therapiemaßnahmen setzen sich aus einem Basistraining, bestehend aus Krankengymnastik, physikalischer Therapie und medizinischer Trainingstherapie, zusammen und werden durch die folgenden zusätzlichen arbeitsplatzorientierten Therapieelemente ergänzt:

  • Ergotherapie mit Schwerpunkt in der Arbeitstherapie
  • Work Hardening: Hierunter versteht man eine an den Arbeitsplatzanforderungen ausgerichtete Medizinische Trainingstherapie, um die im Beruf benötigten spezifischen Muskelgruppen aber auch deren „unterforderte“ Gegenspieler mit Hilfe von Trainingsgeräten zu trainieren
  • Arbeitssimulationstraining, um Bewegungsmuster der individuellen Arbeitssituation zu trainieren oder, falls nötig, Alternativbewegungen zur Kompensation zu erlernen.
  • Praxistraining (im Einzelfall): Das Praxistraining soll unter realen Bedingungen am Arbeitsplatz des Rehabilitanden oder in Einrichtungen mit starkem Berufsbezug (Bildungszentren der Handwerkskammern/Innungen, Kooperationsbetriebe, Lehrwerkstätten, sonstige Bildungseinrichtungen) stattfinden und die qualitativen Anforderungen berücksichtigen.

Nach Beendigung der Behandlung erfolgt ein Abschlusstest und erneuter Abgleich zwischen dem Arbeitsplatzanforderungen und dem aktuellen Fähigkeitsprofil.

Dauer der ABMR. Die ABMR soll grundsätzlich 2 Wochen umfassen mit der Option einer Verlängerung um weitere 2 Wochen. Darüber hinausgehende Verlängerungen werden von der UV nur auf der Grundlage eines erneuten Abgleichs zwischen der Tätigkeitsanalyse mit dem aktuellen Fähigkeitsprofil entschieden.

Ablauf der ABMR. In der ABMR-Handlungsanleitung der DGUV werden des Weiteren Ablauf und Verfahren dieses berufsbezogenen Rehabilitationskonzepts näher erläutert.

Siehe hierzu auch Steinau (2015).

Quellen:

3. Medizinisch-berufliche Rehabilitation (mbR Phase II) der Bundesarbeitsgemeinschaft der medizinisch-beruflichen Reha-Einrichtungen (BAG)

Ziel der sogenannten Phase II-Einrichtungen ist es, Menschen mit einer psychischen, physischen oder chronischen Erkrankung in Schule, Ausbildung, Beruf, Familie und Gesellschaft einzugliedern. Dazu haben sich medizinische- und berufliche Einrichtungen in einer Arbeitsgemeinschaft zusammengeschlossen, um Rehabilitanden mithilfe multidisziplinärer diagnostischer und therapeutischer Leistungen aus der medizinischen (Phase I) und der schulisch-beruflichen Rehabilitation (Phase III) zu fördern. Mitglieder dieser Arbeitsgemeinschaft können demnach alle Einrichtungen der medizinisch-beruflichen Rehabilitation werden, die umfassende medizinische Leistungen zur Rehabilitation und berufsfördernde Leistungen in einem nahtlos ineinander greifenden Verfahren erbringen (§ 2 der Satzung).

Zielgruppen der mbR sind Rehabilitanden mit:

  • schweren krankheitsbedingten Leistungseinschränkungen, auch in Zusammenhang mit
    • Lernstörungen
    • besonderer Störanfälligkeit
    • Beeinträchtigungen des Sozialverhaltens
    • Beeinträchtigungen des Arbeitsverhaltens,

die durch medizinischen Rehabilitationsmaßnahmen alleine noch nicht beruflich integriert werden können und einen längeren Rehabilitationsprozess zur Erreichung dieses Teilhabezieles benötigen.

Zu den häufigsten Indikationsgruppen zählen Neurologie (Schädelhirntrauma, Schlaganfall), Psychiatrie/Psychosomatik (Depression, Psychose), Orthopädie (Wirbelsäulenerkrankungen) und Innere Medizin (Atemwegserkrankung und Stoffwechselerkrankungen).

Zum Leistungsspektrum der mbR zählen:

  • medizinische und psychologische Betreuung
  • behindertengerechte ganzheitliche Förderung
  • behindertengerechte technische Hilfen
  • behindertengerechtes Wohnen und Umfeld
  • Wiedereingliederung und nachgehende Betreuung
  • sozialarbeiterische und sozialpädagogische Betreuung.

Zu den beruflichen Leistungen gehören:

  • Abklärung der beruflichen Eignung oder Arbeitserprobung
  • Belastungserprobung
  • Berufsvorbereitung
  • Berufliche Anpassung.

Die Anpassungsmaßnahme hat die Aktualisierung des beruflichen Wissens zum Ziel. Zielgruppe sind Rehabilitanden mit längerer Arbeitsunfähigkeit und/oder längerem Fernbleiben vom Arbeitsleben oder der betrieblichen Umsetzung zur Erhaltung des Arbeitsverhältnisses zum Ziel.

Dauer der mbR. Die Rehabilitanden in den Einrichtungen der Phase II sind im Schnitt 34 Jahre alt (die Spanne reicht vom Schulkind, das vor der Berufswahlentscheidung steht, bis zum Rehabilitanden, der am Ende seines Arbeitslebens steht) und im Mittel 150 Tage in der Einrichtung. Vor Beginn der Rehabilitation ist die Mehrzahl der Rehhabilitanden arbeitsunfähig oder hat eine Ausbildung abgebrochen.

Eine Übersicht der BAG-Mitgliedseinrichtungen finden Sie auf der Homepage der Bundesarbeitsgemeinschaft medizinisch-beruflicher Rehabilitationseinrichtungen.